Als Künstlerin beeindruckt mich Schönheit sehr. Und damit meine ich den Begriff in seiner absolut konservativen Bedeutung, keine innere Schönheit, keine Schönheit des Hässlichen usw. Ich erinnere mich, dass ich als Kind/ junges Mädchen wieder und wieder Frauengesichter gemalt habe um darin die eine, perfekte Schönheit zu finden. (Erfolglos versteht sich)

Aber es gibt da auch etwas an der Schönheit, was mich traurig werden lässt.

Wie bereits einige Mal erwähnt bin ich stark übergewichtig und muss das wegen einiger gesundheitlicher Probleme ändern. Da gibt es, logischer Weise, Tage, an denen meine Willenskraft auf eine harte Probe gestellt wird und ab und an versuche ich mich an solchen Tagen damit zu motivieren, dass ich in Abnehmforen oder -gruppen lese. Und da lese ich dann häufiger Dinge wie (ich zitiere mal frei) :

„Ich hasse mich so sehr. Ich habe einfach keine Disziplin. Wenn ich mich im Spiegel ansehe könnte ich heulen, überall widerlicher Schwabbel. Ich bin so ekelhaft. Wie schafft ihr alle das?“

Sowas zu lesen macht mich traurig. Sehr traurig. Weil, auch wenn ich heute weit entfernt bin von solchem Selbsthass, ich mich doch gut erinnere wie es sich anfühlt.

Hätte mir jemand mit 15, als ich gerade dabei war gegen imaginäre Kilos zu kämpfen, gesagt, dass ich mit Ende Zwanzig 125kg auf die Waage bringen werde, egal wie sehr ich mich gerade abmühe (nicht vorhandenes Übergewicht los zu werden), dann hätte mich das in ein tiefes, tiefes Loch gestürzt. Ich gehe soweit, dass ich behaupte, es hätte Selbstmordgedanken ausgelöst.

Wie gut, dass ich es nicht wusste und somit die Chance hatte, diese Erfahrung zu machen. Zu erleben, dass 125kg das Leben nicht unlebenswert machen. Was die Lebensqualität allerdings tatsächlich massiv mindert, das sind solch harte Selbsturteile, der Glaube nur perfekt gut genug zu sein. Und das scheint mir ein echt weit verbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft zu sein. Und damit auch ein Stück weit die Kehrseite der Schönheit.

Auf der anderen Seite las ich in den Foren und Gruppen auch Aussagen wie (wieder frei erzählt):

Klingt für mich wie Fat-Acceptance Geschwurbel. Die versuchen dir wieder vorzuschreiben, was du schön zu finden hast und leugnen sogar, dass Übergewicht ungesund ist. Eigentlich suchen sie doch nur wieder einen Freifahrtschein fürs Fettsein.“

Und das wiederum macht mich wütend. Warum?

Ein Freifahrtschein fürs Fettsein? Das finde ich ähnlich absurd wie: die suchen nur einen Freifahrtschein dafür, sich die riesige Nase nicht operativ richten zu lassen.

Ist Übergewicht also etwas wofür man eine Erlaubnis braucht, etwas Illegales  wo man sich mit einem Freifahrtsschein rauswinden kann? Ähnlich dämlich finde ich die oft gelesene Aussage „Die suchen nur Ausreden um dick zu bleiben“. Eine Ausrede brauche ich, wenn ich Mist gebaut habe. Mein Körpergewicht ist schlicht MEINE Sache. Dafür sollte ich mich nicht rausreden müssen. Ansonsten brauche ich nun wohl auch eine Ausrede für meine roten Haare? Oder für irgendein anderes Detail meines Körpers?

Natürlich KANN man niemandem vorschreiben, was derjenige für schön zu halten hat. Das ist erstmal eine Empfindung. (Die sicher auch viel mit Sehgewohnheiten zu tun hat). Und ich halte auch nichts davon, sich blindwütig auf die wenigen Studien zu stürzen die (wohlgemerkt leichtes) Übergewicht für unschädlich halten und die doch zahlreichen anderen, die ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten belegen (erhöhtes Risiko heißt übrigens NICHT, dass alle Dicken diese Krankheiten haben oder zwangsweise bekommen, darüber scheint gelegentlich Unsicherheit zu herrschen) zu ignorieren. Aber die Gesundheit ist eigentlich nicht unser Thema hier. Leider werden, gerade beim Thema Gewicht, oft viele Dinge vermischt und emotional so überfrachtet, dass eine sachliche Diskussion nur über den gesundheitlichen Aspekt fast nicht möglich scheint.

Aber es gibt doch einen Grund dafür, dass das so ist. Dafür, dass dieses Thema oft so emotional beladen wird. Eigentlich gilt das für den ganzen Themenkomplex rund um die Schönheit herum. Warum ist es in unserer Gesellschaft, insbesondere für junge Frauen, so immens wichtig schön zu sein? Warum wirkt ein negatives Urteil über unser Äußeres so vernichtend auf uns?

Sind schöne Menschen Wirklich glücklicher? Führen sie ein lohnenderes Leben?

Glaubt man so mancher medialer Darstellung kann man diesen Eindruck durchaus bekommen finde ich. Neulich las ich z.B. einen Artikel (und ich bereue von Herzen ihn angeklickt zu haben, warum habe ich das nur getan?) den ich hier nicht verlinke, weil ich mich über jeden weiteren Klick ärgere den dieser Unsinn bekommt. In dem Artikel ging es um „Frisurenfehler“ die Frauen ab 30 oft machen. Zusammenfassend, Frauen ab 30 sollten sich lieber gleich alle Haare ins Gesicht kämmen, sonst könnte man merken, dass sie nicht mehr 10000% faltenfrei sind. Was soll man daraus schließen? Makel, selbst wenn es nur so etwas minimales wie die winzigen Fältchen sind, die man mit Anfang 30 vielleicht hat, müssen um jeden Preis versteckt werden? Himmel, wieso denn?

Aber genau das ist der Eindruck der oft vermittelt wird. Schämt euch für jeden noch so kleinen Makel an euch! Im Zweifel definieren wir einfach noch ein paar Dinge als Makel. Nur, um Gottes Willen, seid NICHT zufrieden mit euch, solange ihr nicht perfekt seid. Und wenn wir schon dabei sind, gebt bitte ganz viel Geld aus um perfekt zu werden.

Dass an der Unzufriedenheit mit unserem Äußeren eine Industrie hängt, die davon lebt, dass wir einer Perfektion nacheifern, die nicht erreichbar ist, ist eigentlich logisch.

Aber ist unser Leben tatsächlich schlechter, wenn wir nicht schön sind? Und hier bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich keine eindeutige Antwort für mich finde. Also jein.

Ja, unser Leben wird dadurch schlechter, wenn wir in einer Gesellschaft Leben, die auf Äußerlichkeit getrimmt ist und dem nicht entsprechen. Wenn wir stark von der Norm abweichen, weniger reflektierte Zeitgenossen uns das vielleicht spüren lassen usw. Und vor allem wird es schlechter, wenn wir selbst dieses Denken verinnerlicht haben und ständige Selbstkritik an uns üben wegen echter oder auch nur vermeintlicher Makel. Das kann eine ganze Menge Lebensqualität kosten. Ich habe Jahre damit verbracht mich fertig zu machen für Dinge, die retroperspektiv gesehen völlig belanglos oder gar nicht vorhanden waren.

Als ich es schaffte damit auf zu hören, als ich begann liebevoller mit meinen Fehlern um zu gehen, sowohl den persönlichen, als auch denen an meiner Optik, da wurde es besser. Und das obwohl ich objektiv gesehen immer weiter begann abzuweichen von dem, was in unserer Gesellschaft als normschön gilt.

Ich fände es schön, wenn gerade Frauen weniger Energie darauf verwenden würden über ihre Erscheinung nach zu denken. Wenn die Menschen allgemein liebevoller mit ihren kleinen Makeln und Fehlern umgingen. Dann würde es sicher auch leichter sowohl über „Body-Positivity“ ,die wir dringend brauchen, als auch über bspw. die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht zu sprechen. Differenziert, ohne dass gleich die Emotionen so hoch kochen.

Im Allgemeinen sehen wir Menschen eben weder ungewöhnlich schön aus noch besonders hässlich. Insbesondere nicht im Alltag. Und das ist doch auch völlig in Ordnung so. Warum auch nicht?