Selbstoptimierung…

Wenn ich dieses Wort höre oder lese, dann denke ich an erfolgreiche, junge, sehr gesunde Menschen. Menschen, die ein gutes Netzwerk haben und denen es leicht fällt, das zu pflegen, die einen Job haben, der genug einbringt und den sie natürlich lieben. Menschen, deren Work-Life-Balance voll ausgeglichen ist, die nach ihrer geliebten Arbeit noch zum Sport gehen. Menschen die eloquent sind, immer gut angezogen, die morgens einen grünen Smoothie statt eines Kaffees trinken. Und irgendwo in diesem Wort schwingt mit, dass sie einen Preis für dieses perfekte Leben zahlen müssen. Denn auch wenn es ganz leicht aussieht, dieses Leben wie aus dem Werbefernsehen, in dem Wort steckt auch Anstrengung. Man muss sich optimieren um dahin zu kommen. An sich arbeiten. Perfektion, die bekanntlich nicht zu erreichen ist, so will man wenigstens das Optimum aus sich herausholen. Es ist ein Wort, was für mich eher negativ konnotiert ist, es steht für ein Leben, für eine Mentalität, die ich für mich nicht möchte.

In der letzten Zeit habe ich abgenommen. 28 kg bisher. Gewicht und die Art wie man darauf Einfluss nimmt, ist ein Thema, an dem sich die Gemüter noch schneller erhitzen als bei einer Diskussion über die AFD. Jeder glaubt etwas zu wissen, mindestens eine Meinung hat jeder und jeder glaubt recht zu haben. Es wird über die richtige Abnehmpraxis gestritten, über das richtige Zielgewicht, darüber was schön ist und was nicht und tatsächlich auch darüber, ob es eigentlich statthaft ist, abnehmen zu wollen. Ob das nicht schon perse ein Affront gegen andere, ja sogar gegen sich selbst ist. Bitte???

Neulich traf ich eine Bekannte, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte. Sie kommentierte meine Veränderung nicht weiter. Doch als wir uns verabschiedeten drückte sie mir eine Zeitschrift in die Hand und sagte ich solle den Leitartikel mal lesen. „Schlau schlägt schlank! Warum Nachdenken besser für unser Selbstwertgefühl ist als jede Diät“ Aha…

Den Artikel kannte ich übrigens schon, da er mir zuvor schon von einer anderen Freundin empfohlen wurde. In einem deutlich weniger garstigen Kontext. Daher wusste ich auch schon, dass es in dem Artikel nicht wirklich um Diäten geht, sondern um Selbstreflektion, und der Titel einfach grottenschlecht gewählt ist. Mir ist ein wenig unklar, ob meine Bekannte den Artikel gelesen hat und auch, ob der Kontext wirklich so gemeint war, wie es rüber kam. Aber allein die Überschrift impliziert soviel…

Schlau schlägt schlank? Stehen diese beiden Eigenschaften in einem entweder/oder Verhältnis zueinander? Kann man also nur das eine oder andere sein? Wohl kaum, es sei denn man folgt der Logik aus diesem Artikel der Nzz https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/uebergewicht-rund-na-und-ld.141110.

Dort heißt es:

„ Bei den Dicken passt sich der Brain Pull mit der Zeit an, sie müssen mehr essen, um ihr Gehirn zu versorgen – und nehmen zu. Bei den Dünnen passt sich der Brain Pull nicht an, er bleibt ständig hoch und nimmt Energie aus dem Körper. Das bedeutet mit anderen Worten, dass Dicke nicht zu viel essen, sondern genau so viel, wie es ihr Energiehaushalt verlangt.

Dieser Aussage folgend würde also eine bewusst beigeführte Gewichtsabnahme zu einer energetischen Unterversorgung des Gehirns führen. Verblödet man also durch Diäten? Ich denke wir sind uns alle einig, dass man sowohl dick und schlau, schlank und schlau sein kann, als auch dick/schlank und mit eher geringerem IQ ausgestattet sein kann 😉

Dann geht es weiter mit: „Warum Nachdenken besser für unser Selbstwertgefühl ist als jede Diät“. Also ganz abgesehen davon, dass nachdenken auch sehr unglücklich machen kann (ruheloses Gegrübel kennt wohl jeder) wird hier impliziert, dass Diäten gemacht werden um den Selbstwert aufzupolieren. Was sicher für viele gilt, doch aber nicht für alle. Es gibt viele Gründe abnehmen zu wollen, allen voran gesundheitliche. Wer aber ohne jede Reflektion eine Diät beginnt mit dem Ziel, mangelndes Selbstwertgefühl auszugleichen, wird entweder scheitern oder bitter enttäuscht werden.

Das ist letztlich auch die einzige kurze Aussage zum Thema Diäten aus dem ganzen, sogar recht empfehlenswerten Artikel, mit der unglücklich gewählten Überschrift.

Dennoch blieb ein komischer Eindruck von der Art, wie dieser Artikel das zweite mal zu mir kam. Bin ich oberflächlich geworden, weil ich abnehme? Ist das eine Selbstoptimierungsfalle? Strebe ich einer Werbefernsehwelt an, weil ich gesund werden will und ja, mich tatsächlich auch attraktiver fühle, wenn meine Kleidung besser sitzt?

Bei vielen gesellschaftskritischen Beiträgen der letzten Jahre habe ich genau diesen Eindruck gewonnen, dass jede Veränderung, jede Verbesserung die angestrebt wird, gleichgesetzt wird mit einem zwanghaften Optimierungswahn. Dass ein manender Zeigefinger erhoben wird, doch bitte aufzupassen, nicht zu übertreiben, nicht zu vergessen gut und nicht zu streng mit sich zu sein.

Ich habe überhaupt nichts dagegen, liebevoll und auch nachsichtig mit sich selbst umzugehen. Ich halte das sogar für notwendig und Perfektionismus für etwas, das sehr unglücklich machen kann. Gelegentlich vermisse ich nur die differenzierte Betrachtungsweise, die auch erkennt, dass man sich was gutes und liebevolles tut, wenn man versucht aus der morbiden Adipositas weg zu kommen und dass das eine durchaus kluge Entscheidung sein kann. Schlau braucht Schlank also gar nicht schlagen.