Als ich 16 war bekam ich die Pille verschrieben. Das dazu geführte Beratungsgespräch dauerte ca. 5 Minuten und ging um zwei Themen: Ich hatte gehört, dass man von der Pille dick wird und hatte Angst davor. Das andere war, ob ich Probleme mit unreiner Haut und Pickeln hätte? Das bejahte ich natürlich, obwohl die Pubertätsakne eigentlich schon vorüber war. Was zu meckern an der Haut findet man mit 16 immer. Das führte dazu, dass ich, ohne dass es mir explizit gesagt wurde, ein sogenanntes antiandrogenes Präparat verschrieben bekam.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auf ein erhöhtes Thromboserisiko hingewiesen wurde. Oder auf Migräne, Wassereinlagerungen, Stimmungsschwankungen, Libidoverlust. Den Beipackzettel habe ich selbstverständlich nicht gelesen. Ich war 16.
Und mit 23 setzte ich die Pille ab. Nicht weil ich einen Kinderwunsch hatte, sondern weil ich (inzwischen natürlich in Kenntnis des Beipackzettels) diverse Symptome hatte, von denen meine Gynäkologin sagte, dass sie wahrscheinlich nicht von der Pille kämen, man das aber nicht sicher sagen könne. Präparatwechsel hatte ich mehrere versucht. Aber da ich eh keinerlei Interesse mehr am Sex hatte….
Nach zwei Wochen war es, als hätte jemand einen dunklen Schleier aus meinem Kopf gezogen. Dinge, die mich noch wenige Wochen zuvor verzweifelt gemacht hatten, schienen mir jetzt nur noch halb so wild, Situationen die mich zuvor rasend vor Wut und Angst gemacht hatten, konnte ich nun gelassener sehen. Ich hatte mich selbst so überhaupt nicht leiden können wie ich war, aber ich war nicht wirklich ich. 7 Jahre lang!

Und ich begann auch wieder Männer wahrzunehmen, hatte manchmal Lust zu flirten. Meine Brüste taten nicht mehr dauernd weh, mein Kopf auch nicht. Alles war besser ohne die Pille. Nur die Verhütung, die war wieder ein Problem.

Nun dachte ich, dass ich ein Extrembeispiel wäre, dass ich einfach besonders intensiv auf Hormone reagiere. Aber inzwischen lernte ich viele Frauen mit solchen Geschichten kennen. Massive Nebenwirkungen, die bis hin zu persönlichkeitsverändernden Depressionen oder schweren Erkrankungen gehen, sind nicht so selten wie viele denken. Und wie das, zumindest mir gegenüber, von den Frauenärzten dargestellt wurde.

Neulich las ich diesen schon etwas älteren Artikel in der Spektrum.

Es geht darin um eine Zulassungsstudie für die „Pille für den Mann“ und warum dieses Verhütungsmittel vorerst gescheitert ist. Kurzum, das Präparat hatte Nebenwirkungen wie Akne, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen, Veränderung der Libido…

Na Mädels, kommt euch das bekannt vor?

Obwohl die meisten Probanden weiter machen wollten und auch die verhütende Wirkung mit einem PI von ca. 4 durchaus vielversprechend erscheint, wurde die Studie abgebrochen mit der Begründung, die Nebenwirkungen seien unzumutbar.

Nun muss man der Fairness halber einräumen, dass die Gesetze für die Einführung neuer Medikamente heute viel strenger sind als in den 1950ern, in denen die Anti-Baby-Pille entwickelt wurde. Heute hätte die es mit einer Erstzulassung sicher auch schwer. Dennoch bleibt ein ironischer Beigeschmack, wenn für Männer etwas als unzumutbar erklärt wird, was für Frauen seit Jahrzehnten als selbstverständlich hingenommen wird.

Noch bitterer wird es unter dem Aspekt, dass das Einnehmen der Pille heute so selbstverständlich ist, dass daraus bereits eine gewisse Erwartungshaltung jungen Frauen gegenüber resultiert.

In letzter Zeit treffe ich häufiger auf Frauen, die aus ähnlichen Erfahrungen heraus, wie ich sie gemacht habe, keine Pille mehr nehmen. Aber in meinen frühen 20ern nahmen eigentlich alle Frauen um mich rum die Pille. Als eine Kommilitonin ungewollt schwanger wurde, war eine der ersten Fragen (und die kam mehrfach und immer mit extrem erstaunten Ton) ob sie denn keine Pille nähme?

Und diese Erwartungshaltung, trotz der massiven Nebenwirkungen, die wirft in mir schon manchmal die Frage auf, ob diese enorme feministische Errungenschaft nicht inzwischen ein feministisches Eigentor geworden ist?